Natürliches Schutzkleid der Küsten

Das Anpflanzen von Mangrovenwäldern mindert in tropischen Küstenregionen die Folgen von Tsunamis

(Handelsblatt)

 

COLOMBO 9.08.2007. Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt von Sri Lankas Hauptstadt Colombo nach Bentota. Die Küstenstraße ist nagelneu, doch entlang der Fahrbahn sind noch immer zerstörte Häuser und Brücken zu sehen. Im Dezember 2004 traf die gewaltige Tsunamiwelle des Sumatra-Erdbebens auf die Insel, die früher Ceylon hieß. Flutwellen von bis zu 15 Meter Höhe überrollten einen breiten Küstenstreifen. Ein ganzer Eisenbahnzug verschwand in den Wassermassen.

Heute, zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe, gibt sich die Insel ihr natürliches Schutzkleid zurück: Überall werden in großen Projekten Mangroven mit ihrem Dickicht aus Stelz- und Stützwurzeln als natürlicher Küstenschutz wieder angepflanzt. Denn der Tsunami hatte gezeigt, dass die Regionen, die vor der Flutwelle noch intakte Küstenwälder besaßen, weniger Schäden erlitten. Die Mangroven ­ eine Gruppe verholzender Salzpflanzen, die sich an das harsche Leben im tropischen Gezeitenbereich angepasst haben ­ dienen als lebender Deich gegen Sturmfluten.


Auch die Europäische Union beteiligt sich mit dem ,,Asia Pro Eco Programm" an der Renaturierung der verwüsteten Küstenlandschaften. ,,Wir investieren etwa 7,1 Millionen Euro in den Küstenschutz auf Sri Lanka", erklärte EU-Projektleiter Peter Maher kürzlich auf einer Konferenz in Bentota. Auch in Indonesien, Thailand und Indien werden solche Maßnahmen gefördert.

Eines der EU-Projekte in Sri Lanka wird vor Ort durch den Global Nature Fund aus Radolfzell koordiniert. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern der Umweltinitiative ,,Living Lakes" bemüht die Organisation sich vor allem um nachhaltige Fischerei und einen naturverträglichen Umgang mit den Mangroven und Lagunenzonen. ,,Unsere Projekte konzentrieren sich auf die Seen Bolgoda, Madampeganga and Maduganga südlich von Colombo", erklärt der Projektkoordinator Udo Gattenlöhner. Etwa 100.000 neue Bäume wurden bisher in 30 Baumschulen herangezogen und in den Gebieten eingepflanzt. Umfangreiche Aufklärungsprogramme sollen die Bevölkerung auf die Funktion der Mangroven als natürlichen Küstenschutz aufmerksam machen. Noch gibt es auf Sri Lanka etwa 1200 Hektar ursprünglichen Mangrovenwald. Mehr als 20 verschiedene Baumarten bilden hier ein dichtes Dschungelgrün, in dem unzählige Insekten, Reptilien und seltene Säugetiere leben. Die Wurzeln im Salzwasser sind eine der wichtigsten Kinderstuben für Meeresfische und Krebse. ,,Unser Projekt soll zeigen, wie traditionelle Nutzungen, beispielsweise der Garnelenfang oder die Holzverwertung, der ländlichen Bevölkerung zugutekommen können, ohne dass die Natur dabei Schaden nimmt", erklärt Gattenlöhner.

Nach dem verheerenden Tsunami waren Experten erstaunt, wie wenig die Mangrovenwälder in Südostasien durch die Wucht der Flutwellen zerstört worden waren. Ob in Thailand, Sri Lanka oder Indien: Die Satellitenbilder zeigten ein weniger zerstörtes Hinterland stets dort, wo es vorher intakte Küstenzonen gab. Bedauerlicherweise war das an nur wenigen Stellen der Fall, denn weltweit verschwinden die Küstenwälder zweimal schneller als der tropische Regenwald. ,,Mangroven gelten als die bedrohtesten Wälder der Welt", betont der Ökologe Michael Succow, Träger des alternativen Nobelpreises. Noch vor 20 Jahren gab es weltweit geschätzte 30 Millionen Hektar Mangrovenwald. Dann in den achtziger Jahren begann die schnelle Zerstörung: Heute existieren weltweit nur noch 50 Prozent und in Indien gar nur noch 10 Prozent der ursprünglichen Küstenwälder. Die meisten Mangroven verschwanden durch Trockenlegung im Zuge von Stadtentwicklungen, durch Holzeinschlag oder Plantagen. Insbesondere die Anlage von Garnelen-Farmen ­ einst als ,,blaue Revolution" gepriesen ­ ließ den tropischen Küstenbäumen keine Chance. In den Fußballfeld-großen Becken werden Garnelen für den Export mit Antibiotika und Fischmehl hochgepäppelt. Dadurch sank der Kilopreis von 7,5 Euro im Jahr 1990 auf nur noch ein Euro heutzutage. Aber die Teiche sind schon nach wenigen Jahren so verseucht, dass immer wieder neue Flächen gerodet werden müssen. Geschätzte 250 000 bis 500 000 Hektar solch brachliegender Garnelen-Farmen gibt es heute in ehemaligen Mangrovengebieten weltweit.

Die verschwundenen Mangroven können dabei relativ schnell wieder aufgeforstet werden, wie zahlreiche erfolgreiche Uno-Projekte in Vietnam, Thailand oder Indonesien zeigen. Es muss meist nur ein wenig nachgeholfen werden. Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu sind es beispielsweise die wild grasenden ,,heiligen" Kühe, die die Pflanzen immer wieder dezimieren. ,,Zunächst haben wir daher die Gebiete mit Zäunen vor den Kühen geschützt und die Bewässerungskanäle gereinigt", erklärt der Biologe Vedharajan Balaji, Leiter des Projekts ,,Mangreen" (an dem auch der Autor dieses Artikels beteiligt ist). ,,Wo früher fast nichts mehr war, ergrünt heute nach zwei Jahren wieder das ganze Flussdelta."

Während die ökologische Renaturierungsmethode besonders schonend ist, werden an anderen Stellen Setzlinge in Reih und Glied wie auf Plantagen ins Küstenvorland gesetzt. Das birgt aber auch Gefahren, denn die salztoleranten Pflanzen brauchen bestimmte Umweltbedingungen zum Überleben. Ist der Boden zu sandig, zu trocken, oder wird er zu lange vom Meer überflutet, können Mangroven nicht gedeihen. So manches schnell entworfene Projekt mit Monokulturen scheitert an solchen Problemen.

,,Wir müssen das Abholzen der letzten intakten Mangrovenwälder dringend verhindern", fordert daher der Biologe Manfred Niekisch von der Universität Greifswald. ,,Und wir brauchen sie dringend auch als wichtige Kohlenstoffsenken, um den Treibhauseffekt zu minimieren." Tatsächlich gelten Mangrovenwälder als die produktivsten Ökosysteme der Welt: Sie sind wahre Kohlenstofffabriken. Geschätzte 1,5 Tonnen Kohlenstoff kann ein Hektar Mangrovenwald im Jahr aus der Atmosphäre entziehen, wurde an der Universität von Malaysia errechnet. So eliminieren allein die noch vorhandenen 4,5 Millionen Hektar Mangrovenwald in Indonesien in etwa die Auspuffgase von fünf Millionen Autos im Jahr. Hinzu kommt, dass Mangroven ein wichtiges Bindeglied sind zwischen Land und Meer. Die vielen Wurzeln sorgen für ein kontinuierliches Festhalten der angeschwemmten Fluss- Sedimente und Baumblätter aus dem Hinterland. Diese werden dann in den Schlammzonen zu gelösten organischen Stoffen umgebaut. Die Mangrovenzone ist dadurch ein Vorfilter für den Kohlenstoffkreislauf im Ozean. In den Sedimenten speichern die Wälder noch einmal etwa 700 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar, die aber bei jeder Rodung frei werden.

Der ökonomische Wert der Mangrovenwälder ­ er wird ohne Kohlenstoff-Speicherung auf ca. 7 000 Euro pro Hektar geschätzt ­ ist auf lange Zeit beträchtlich. Insbesondere in Zeiten des globalen Meeresspiegelanstiegs: Wie Studien in Australien belegen, können die Wälder bei einem langsamen Anstieg mitwachsen, indem sie sich stetig ihr eigenes Habitat erschaffen. Steigt das Meer zu schnell, dann geraten auch diese lebenden Dämme unter Stress, können nicht mithalten und verschwinden. Das wäre ein Verlust nicht nur zum Nachteil der tropischen Küsten, sondern der ganzen Erde.

Geschätzte 250 000 bis 500 000 Hektar solch brachliegender Garnelen-Farmen gibt es heute in ehemaligen Mangrovengebieten weltweit.

 

Was sind Mangroven?


Wälder an der Grenze von Land und Meer Zwischen den Gezeiten Mangroven-Wälder bestehen aus salztoleranten Bäumen und Sträuchern. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass sie sich an das Leben im Gezeitenbereich tropischer Küstenregionen angepasst haben. Fische, Krabben und Muscheln bevölkern das Wasser, auf den Wurzeln der Bäume siedeln Algen, Seepocken, Austern, Schwämme und Schnecken. Man unterscheidet die Mangrovengesellschaften der östlichen Hemisphäre (Indischer Ozean, westlicher Pazifik) von denen der westlichen (Karibik, Westküsten Amerikas und Afrikas). Die indo-pazifische Gruppe ist artenreicher. Die Abbildung zeigt schematisch die wichtigsten Arten an der ostafrikanischen Küste. Da sie es Merkmal ist, dass sie sich an das Leben im Gezeitenbereich tropischer Küstenregionen angepasst haben. Fische, Krabben und Muscheln bevölkern das Wasser, auf den Wurzeln der Bäume siedeln Algen, Seepocken, Austern, Schwämme und Schnecken. Man unterscheidet die Mangrovengesellschaften der östlichen Hemisphäre (Indischer Ozean, westlicher Pazifik) von denen der westlichen (Karibik, Westküsten Amerikas und Afrikas). Die indo-pazifische Gruppe ist artenreicher. Die Abbildung zeigt schematisch die wichtigsten Arten an der ostafrikanischen Küste. Da sie verschieden gut mit dem Salz umgehen können, beeinflusst der landeinwärts ansteigende Salzgehalt auch die Verteilung der Arten.

Filtermechanismus: Um aus dem Meer überhaupt Wasser aufnehmen zu können, besitzen Mangroven einen komplizierten Mechanismus. In den Zellen herrscht ein hoher osmotischer Druck, die Salzkonzentration ist also im Inneren der Zelle höher als im Meerwasser. Ein Ultrafiltrationssystem in den Wurzeln lässt nur das Wasser (nicht das Meersalz) hindurch, das in Richtung der höheren Salzkonzentration ins Zelleninnere diffundiert.

NEW INDIAN EXPRESS, 21. October 2005

 

Hindu Times 21. September 2005

 

(Schützt die Mangroven
Das Goethe-Institut Max Mueller Bhavan organisiert eine Lesung von Dr. Onno Gross, Leiter von Deepwave, einer internationalen Organisation zum Meeresschutz am 21.September, um 18 Uhr zu dem Thema „Das MANGREEN Projekt in Tamil Nadu“. Die Lesung sowie die Diskussion anschließend werden sich auf die Wichtigkeit wie auch die heutigen Bedingungen der Mangroven fokusieren. Heutzutage gibt es nur noch 9 m² Mangrovenwälder in Tamil Nadu. Dr. Gross und V. Balaji werden die Planungen des MANGREEN Projektes erläutern als auch eine Diashow über den Artenreichen und biologisch wichtigen Lebensraum in Tamil Nadu vorführen. Für weitere Informationen, rufen Sie 28331314 oder 28332343 an.)


Pattukkottai, 15. September 2005
Deutsch-Indische Zusammenarbeit startet Tsunamischutzprojekt in Indien. MANGREEN schützt die Küste und unterstützt die lokale Bevölkerung.

Pattukkottai, 15. September 2005. Mit dem Anfang der Monsun-Zeit beginnt nun ein internationales Umweltschutzprojekt für die Wiederherstellung von Mangrovenbäumen und Schutz vor Tsunamis in Tamil Nadu. Das MANGREEN Projekt - Mangrove Restoration and Ecology in India - wurde zwischen der deutschen Initiative DEEPWAVE, einer Organisation zum Schutz der Ozeane, und der Umweltschutz-Organisation OMCAR (Ocean Marine Conservation, Awareness and Research) entwickelt.

"Mit dem MANGREEN Projekt würden wir gern die lokale Bevölkerung im nachhaltigen Mangroven- und Küstenschutz unterstützen.", betont Dr. Onno Gross, 1. Vorsitzender von DEEPWAVE Hamburg, Deutschland, während seines Besuchs der Mangrovenaufzuchts-felder. Der Kontakt zum Biologen Vedharajan Balaji, Gründer von OMCAR, besteht seit 2003. Nach der Tsunami-Katastrophe begannen sie zusammen ein Entwicklungsprojekt in Tamil Nadu zu starten.

Ein erstes Gebiet von 20 Hektar für Mangroven-Plantagen entlang den Kanälen und eine Gärtnerei sind in der Nähe vom kleinen Fischerdorf Keezhathottam nahe Pattukkottais gegründet worden. OMCAR informiert in Schulvorträgen über das Projekt und leitet die notwendigen Schritte zur Renaturierung, das Sammeln von Samen und das Einpflanzen der Mangroven an. "Mangrovenbäume sind ein wichtiges Element der Küste, weil sie biologisch wichtige Plätze für Vögel, Krabben und Fische bilden. Sie filtern im Übrigen das Wasser und sind lebensnotwendig für das Verbleiben der Küsten."

Das Projekt wird von der lokalen Bevölkerung, der Oberförsterei und den Experten der Universität Annamalai begrüßt. "Die Aktivitäten von MANGREEN sind sehr stark in Übereinstimmung mit unserer gegenwärtigen Arbeit am Schaffen eines Schutz-Riemens entlang der Küste getroffen" sagte A.V. Venkatachalam, Bezirkoberförster von Pudukkottai, während der offiziellen Eröffnung in Khezzathottam am 13. September. 100 Menschen trafen sich im Dorf Panchayats, um die zukünftige Entwicklung der Küste zu diskutieren.

Der Tsunami, der 2004 in Sumatra wütete, hat viele Leben gekostet und Fischerdörfer, Infrastrukturen und Küstengebiete Tamil Nadu, "Land der Tempel", zerstört. Die Katastrophe zeigte auch, dass Küsten mit noch vorhandenen Mangrovenwäldern weit weniger durch den Tsunami verwüstet wurden. Das Bollwerk aus dichten Pflanzenwurzeln hat viele Menschenleben vor der Wucht der Wellen gerettet.

In Indien und anderen tropischen Regionen sind jedoch im letzten Jahrzehnt mehr als eine Million Hektar Mangroven verschwunden. Der natürliche Küstenschutz wurde achtlos durch Flächenrodung, Deichbau oder Shrimpsfarmen zerstört und die Küsten dadurch entwurzelt.

In der Kombination mit einem Tsunamifrühwarnsystem kann die Wiederkultivierung von Mangrovenbäumen dazu beitragen, um zukünftige Katastrophen, wie diejenige des letzten Dezembers zu verhindern.

Contact

Dipl. Biol. Vedharajan Balaji
mobile +91-93 60 54 81 17
E-Mail: marine_balaji@yahoo.com

Dr. Onno Groß
Telephone: mobile +49 (0179)5 98 69 69
E-Mail: info@mangreen.org

Stader Tageblatt

DEEPWAVE e.V. Stichwort: MANGREEN
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